Die vergessene Bibliothek

Sprachbausteine

  
Finden Sie die jeweils richtige Lösung!

Die vergessene Bibliothek
Bibliothek12.jpg

Wer sich jemals in jene Räume verirrt hat, die man seit Jahrzehnten sich selbst überlassen hat,
der weiß, was es bedeutet, sich von der Zeit verlassen zu fühlen.
Sie – die Bibliothek – atmete noch, obwohl niemand sie mehr betrat.
Ihre Regale, die sich unter der Last der Bände bogen, schienen auf jemanden zu warten,
der sich die Mühe machte, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.
Ich betrat sie an einem Novembermorgen,
dessen fahles Licht mir kaum genügte, um mich zu orientieren.
Was mich sogleich in seinen Bann zog, war der Geruch:
jener eigentümliche, dem sich kein Liebhaber alter Bücher entziehen kann.
Er hing zwischen den Regalen wie ein Geist, der sich geweigert hatte, mit seinen Bewohnern zu verschwinden.
Ich fragte mich, wem sie einst gehört haben mochte, diese Sammlung, die sich über drei Stockwerke erstreckte.
Wer hatte sie zusammengetragen?
Und wer hatte sie verlassen – und warum?
Die Bücher selbst gaben sich verschwiegen; sie hüteten ihre Geheimnisse mit einer Würde, die mich beschämte.
Eines der Werke, das sich mir gleichsam anbot, trug keinen Titel mehr auf seinem Rücken.
Es fiel mir beim Durchblättern auf, dass sich jemand die Mühe gemacht hatte, jeden Rand mit winzigen Anmerkungen zu versehen –
Glossen, die sich an einen imaginären Gesprächspartner richteten.
An wen?
Das fragte ich mich noch lange, nachdem ich die Bibliothek verlassen hatte,
deren Stille mich noch im Traum verfolgte.
Sie existiert noch.
Aber sie schweigt.
Bibliothek1.jpg